News: Wie einst eine Frau, mit heißer Asche eine ganze Dynastie rettete!
(Kategorie: Nachrichten)
Eintrag von Sultanahmet
Donnerstag 04 Februar 2016 - 17:28:36

Konstantinopel, 28. Juli 1808 - das goldene Zeitalter des Osmanischen Reiches ist längst Geschichte. Die Angst über die einst unbesiegbaren Janitscharen nur noch ein Mythos. Dunkle Wolken ziehen an jenem Tag über dem Topkapi Palast hinauf, an dem das Schicksal der längsten Familiendynastie der Weltgeschichte besiegelt sein werden könnte.




von Erol Gülsen für die Istanbul und Türkei Reiseführer

Eine kleine Vorgeschichte: Ende des goldenen Zeitalter unmittelbar nach Sultan Suleiman I.

Nach Kanuni Sultan Suleiman I.(†1566) des Prächtigen, kommen vom Hause Osman fast nur noch unfähige, teils kranke Herrscher an die Macht. Roxelana (Frau von Sultan Suleiman) trug durch ihre Intrigen erheblich dazu bei, für näheres bitte --> [link] folgen. Junge Prinzen müssen ganze Jahrzehnte verborgen in einem goldenen Käfig Leben. Diese Prunkgemächer für künftige osmanische Thronfolger sollen so von Brudermorden und Intrigen „anderer Mütter" schützen. Manch ein Prinz verbringt hier mehr als dreißig Jahre seines Lebens - vollkommen abgeschottet von der Außenwelt. Die Konsequenz sind erhebliche psychische Unfähigkeiten der Thronbesteiger. Sultan Selim II. (1524-1574) der Säufer, stirbt 1574 im Vollrausch, als er badend im Hamam an der glatten Oberfläche ausrutscht. Sultan Ibrahim I. (1615-1548) der Verrückte, fürchtet sein Leben lang einer Intrige oder einem Anschlag Opfer zu fallen. Ibrahim will den Thron nicht freiwillig. Er verriegelt alle Türen und Fenster, als 1640 sein Bruder (Sutan Murad IV.) stirbt. Erst nachdem seine Mutter, ihn überredet und er den Leichnam seines Bruder Murads sieht akzeptiert er die Thronbesteigung. Fast alle nachfolgenden Sultane führen ein verschwenderisches „Palastleben“ und kümmern sich nicht mehr um die Probleme im Osmanischen Reich. Viel mehr überlassen sie die Macht an ihre Mütter oder ihren Haremsdamen, dieses Zeitalter wird auch die Weiberherrschaft genannt.


Gemälde: Sultan Süleyman I


Selim III. der Reformer

Prinz Selim, Sohn von Sultan Mustafa III., ist ein großer Liebhaber der Musik. Als sein Vater stirbt ist Selim nur 13 Jahre alt, deshalb besteigt sein Onkel Sultan Abdulhamid I. den Thron. Selims Interesse an der Musik beginnt in seinen jungen Jahren als Prinz. Sultan Abdulhamid I. gewährt ihm eine gute Ausbildung und behandelt ihn wie sein eigener Sohn. Unter chaotischen Bedingungen besteigt 1789, Sultan Selim III., im Alter von 27 Jahren, den Thron. Zuvor hatte der junge Prinz ganze 15 Jahre in einem goldenen Käfig leben müssen. Die Musik gab Selim die Lebensenergie, die er in Isolation bitter nötig hatte.

In Europa sind die Industrialisierung und die Französische Revolution im vollen Gange. Im osmanischen Reich scheinen die Uhren still geblieben zu sein. Doch Sultan Selim III. ist fest entschlossen alte Strukturen aufzubrechen und das marode Osmanische Reich nach europäischem Vorbild zu reformieren. Er verbessert durch seine Reformen die Verwaltung, die Bildung sowie die Wirtschaft noch effizienter zu werden. Er erbaut viele Schulen, Häfen, Werften für Schiffsproduktion und vieles andere. Doch sein unstillbarer Reformwille, vor allem das Militär vom Grundsatz zu reformieren und die Janitscharen abzuschaffen, wird sein Todesurteil sein.


Portrait Sultan Selim III. * 24. Dezember 1762; † 28. Juli 1808

Sultan Selim III. gilt heute als einer der wichtigsten türkischen Komponisten und ist einer der Wegweiser der klassischen türkischen Musik schlecht hin


Janitscharen blockieren die Reformen

Die Janitscharen, die älteste Militärkapelle der Weltgeschichte. Einst die Elitetruppe und die bedingungslose loyale Leibgarde des Sultans. Unbesiegbar und gefürchtet von dem Abendland - kehrten sie von der Schlacht entweder als Held(Gazi) oder als Märtyrer (Sehit) zurück! Doch 1808 ist dieser Mythos längst Legende. Im Gefolge der Türkenkriege (15. - 17. Jh.) gelten die Osmanen als die größte Bedrohung des christlichen Abendlandes. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts ist die Türkengefahr endgültig gebannt. Fortan ist das „Fremde“ eine neue Mode und eine Inspirationsquelle europäischer Künstler. (Siehe Türkenmode ab dem 18. Jahrhundert, „Rote Moschee" Schwetzinger Schlossgarten, Mozart: türkischer Marsch ff). Und die Janitscharen ? – zurückgeschlagen, besiegt dem Ansehen entthront. Dennoch existieren sie weiter im Systemkomplex des osmanischen Reiches an oberster Stelle! Kampfmoral, Siegeswille und Ehrenhaftigkeit werden schwächer. Korruption und die Gier nach Macht der Janitscharen gewinnen an Oberhand. Keine bedingungslose Gehorsamkeit mehr gegenüber dem Sultan – sie erpressen sogar viele Sultane um so an mehr Geld kommen. Bereits 1622 haben, janitscharische-Assassinen Sultan Osman II. ermordet. Genc Osman, Osman der Junge, wurde nur 18 Jahre alt und wollte nur das Militär reformieren.


Ottoman Janissaries Oldest Military Marching Band: Ambassadors March / Botschafter Empfang


Eine geogrische Sklavin wird später das Haus Osman retten

Cevri Kalfa, eine georgische Sklavin kam in jungen Jahren in den Topkapi Palast und genoss hier eine Ausbildung im Enderun. Enderun ist eine Palastschule in der vor allem christlich-konvertierte Kinder ausgebildet wurden, um später zu Diensten des osmanischen Reiches zu dienen und dabei hohe Führungspositionen zu besetzen. Alle Absolventen wurden dauerhaft in die Staatsdienste aufgenommen. Cevri erhielt hier ihre Ausbildung zur Kunst, Musik und Finanzwesen. Ihr Geburtsjahr ist nicht eindeutig bekannt. Nach ihrer Ausbildung diente sie als persönliche Gehilfin für Prinz Mahmud. Sie spielt bei der Rettung des Hauses Osman die größte Rolle.


Der Harem, zauberhaft aber auch der am strengsten bewachte Ort der Welt


Wirre Zustände: Gesetze,Absetzung und der Vergeltungsversuch

Sultan Selim III. ist ein kluger Herrscher. Er will nicht enden wie Osman II. So setzt er rasch ein Gesetzesblatt mit 72 Paragrafen in Kraft. Das Gesetz sieht vor die Janitscharen in vollem Umfang aufzulösen und sie zu entmachten. Des Weiteren die Verpflichtung ausländischer Offiziere als Ausbilder, Gründung neuer militärische Bildungseinrichtungen und vor allem eine neue Ordnung, eine neue Armee mit dem Namen: Nizam-i Cedid. Selims neue Armee ist sofort einsatzbereit und so gut organisiert, dass rebellierende Janitscharen dagegen zunächst erfolglos bleiben. Doch die Niederlagen Selims in Serbien und Ägypten, nutzen die Janitscharen aus, um erneut gegen ihn zu rebellieren. Diesmal bringen sie Seyhuislam ins Spiel. Seyhuislam ist die oberste religiöse Autorität des Staates! Die Janitscharen bringen ihn dazu eine Fatwa gegen die Reformen zu erteilen. Am 29. Mai 1807 inhaftiert eine 10000 starke Janitscharen-Schar, Sultan Selim III. Sie schließen ihn im Harem ein. Sultan Mustafa IV., ein Komplize der Rebellen, besteigt den Thron und setzt die alte Ordnung wieder ein. Doch nach der Niederlage der Janitscharen im Jahre 1808 gegen die russische Armee, sammelt ein rumelisch-trakischer Kommandant Namens: Alemdar Mustafa Pascha, eine 40000 Mann starke Armee. Er marschiert auf die Hauptstadt zu: sein Ziel ist die Befreiung von Selim und Prinz Mahmud!

28. Juli 1808

28. Juli 1808 - Der gesamte Topkapi-Palast in Aufruhr! Vor den Toren der Hohen Pforte steht die Armee von Alemdar Mustafa Pascha und versucht in den Palast einzudringen, um Selim III. zu befreien. Mustafa IV. ordnet daraufhin, mit Absprache seiner Berater, die sofortige Tötung von Sultan Selim III. und dessen Bruder Prinz Mahmud an. Selim, Mahmud und Mustafa sind die letzten lebenden männlichen Angehörigen des Hauses Osman. Im Palast spielt sich ein Katz- und Mausspiel ab – neunzehn auserwählte Auftragskiller jagen Selim III. und Prinz Mahmud durch den ganzen Harem. Der Anführer der Killerbande ist Ebeselim, ein professioneller Auftragskiller mit besonderen Fähigkeiten. Lala Tayyar Aga ein älterer Gelehrter, wartet vor Selims Zimmer und setzt sich gegen die Auftragskiller zur Wehr, doch die blutrünstigen Schergen Ebeselims schleudern ihn zur Seite und betreten Selims Zimmer. Lalla Aga steht auf und rennt zu den schwarzen Euchnuchen Agas, um Hilfe zu holen. Die Eunuchen Kasim Aga, Hafiz Isa Aga und Amber Aga ziehen daraufhin sofort ihre Schwerter und eilen Selim zur Hilfe.


Die schwarzen Eunuchen bewachten den Harem - sie waren gut ausgebildete Kämpfer


Doch als sie das Zimmer Selims betreten ist jegliche Hilfe für den einstigen Künstler und Sultan Selim zu spät. Selim III. hatte sich alleine gegen neunzehn zur Wehr setzen müssen. Seinen Leichnam bringen seine Mörder in den Arz odasi. Der Arz odasi ist ein Bereich im Topkapi Palast für den Empfang Ausländischer Diplomaten, Fürsten und Könige.

Prinz Mahmud ist der nächste auf der Liste

Mahmud ist ein 23 Jahre junger Prinz. Er hat nicht viel Zeit, aber er kann sich viel schneller fortbewegen als Selim. Die schwarzen Eunuchen rennen zu Mahmuts Gemach, mit der Absicht wenigstens ihn retten können. Doch hier ist Mahmud nicht anzutreffen, das Zimmer ist verlassen. Auch die 19-Mörder suchen verzweifelt nach Prinz Mahmud - die Zeit rennt, denn Alemdar Mustafa Pascha versucht mit seiner Armee, mit aller Macht in den Palast einzudringen. Mahmud flüchtet - verwirrt, hat Todesangst vor seinem Auftragskillern. Cevri Kalfa, die georgische Sklavin hilft Prinz Mahmud zur dieser schweren Stunde. Beide flüchten gemeinsam über den sogenannten goldenen Weg - einem 46 Meter langem Korridor, der von der Haremstür bis hin zum Privatzimmer der Thronfolger führt - zu den oberen Stockwerken in das Privatzimmer von Cevri Kalfa.


Der Goldene Weg - war eine Abkürzung der Osmanischen Sultane im Harem


Die schwarzen Eunuchen eilen zur Hilfe und blockieren oberhalb der Treppen den Weg. Unterhalb der Treppen warten schon die Auftragskiller. Ebeselim schreit: „Lasst uns vorbei ehrenwerte Agas! Euch wird nicht geschehen - der rechtmäßige Sultan Mustafa IV. hat einen Ferman für Prinz Mahmut erlassen, mit dem Befehl der sofortigen Hinrichtung!“ Kasim Aga erwidert: „Ihr könnt ihr nicht vorbei, so kehrt zurück!“ Ebeselim ist erzürnt und schreit seine Schergen an: „ Was steht ihr hier so rum?! Wollt ich nicht mehr leben? Wollt lieber sterben? Der Prinz ist oben, räumt den Weg frei, los!“

Die Flucht über die Dächer des Palastes

Es entsteht ein ungleicher Kampf von neunzehn gegen drei. Folgendes sollen sich in weniger als fünf Minuten abgespielt haben: Kasim Aga, der schwarze Eunuch, schleudert sein Schwert runter auf Ebeselim und seine Schergen. Er kämpft alleine gegen sie. Währenddessen schreit Cevri Kalfa zu Hafiz Isa und Amber Aga: „Los bleibt nicht stehen, bringt den Prinzen in Sicherheit - durch den Kamin, hinfort über die Dächer, Los!“ So versuchen beide Agas, Prinz Mahmud durch den Kamin die Flucht über die Dächer zu verhelfen. Währenddessen wird Kasim Aga von Ebeselim schwer verwundet. Die Auftragskiller wollen das Zimmer stürmen. Cevri Kalfa steht oben mit einer Keramikschüssel, voll mit heißer Asche. Bevor Ebeselim und seine Bande überhaupt begreifen konnten was passiert, schleudert Cevri mit ihrer Hand haufenweise heiße Asche in die Augen der Auftragsmörder. So gewinnen Mahmud und die zwei Euchnuchen Agas wertvolle Zeit, um über den Kamin auf die Dächer zu flüchten. Doch Ebeselim ist ein guter Messerwerfer. Er schleudert ein Messer hinterher und verletzt den Sultan, aber lediglich nur am Arm. Über diesen Zustand sind die Mörder nicht gerade erfreut und treten vor Wut Cevri Kalfa nieder und rennen aus dem Harem hinaus um den flüchtigen Prinzen zu fassen.


Privatgemächer der Dienstmädchen im Harem


Währenddessen dringt Alemdar Mustafa Pascha mit seiner Armee in den Palast ein. Sie entdecken zunächst die Leiche von Sultan Selim III! Alemdar Mustafa Pascha ist äußerst traurig, doch für Emotionen hat er keine Zeit, er will den Prinzen retten. Mahmud und seine zwei Gefährten sehen Alemdar Mustafa Pascha und laufen sofort auf ihn zu. Doch Alemdar Mustafa Pascha hat noch nie den Prinzen gesehen - so fragt er im rumelischen Akzent: „Abe bu kimdir?“ , „(Geschätzter Bruder wer ist er?)“; „das ist Prinz Mahmut Efendi der rechtmäßige Thronfolger!“ Prinz Mahmud II. wird auf der Stelle zum neuen Sultan ernannt. Alle Auftragskiller, darunter Ebeselim und Sultan Mustafa IV. werden hingerichtet.

Mahmud besteigt den Thron und dankt „Cevri Usta“

Kurz nach der Thronbesteigung dankt Mahmut, Cevri Kalfa und ernennt sie zur Harem-i Hümayun hazinedarlığı ustasi - Schatzmeisterin des kaiserlich-osmanischen Harems. Außerdem baut er für Sie eine große Villa in Camlica, mit einem großen Garten. Sie lebt bis zu ihrem Tod in ihrer Villa. 1819 wird sie neben Mahmuds Mutter Nakschidil Sultan in einem Mausoleum, in Istanbul beigelegt. Mahmud baut im Gedenken an Cevri Kalfa einen Brunnen und eine Grundschule in Sultanahmet: Cevri Kalfa Sibyan Mektebi. Die Schule und der Brunnen sind direkt am Divanyolu in Sultanhmet. Unübersehbar - heute fährt die Bahn tagtäglich vorbei. Die Schule hat zehn Zimmer und zwei Stockwerke. Sie diente 100 Jahre als Grundschule. Heute ist dort die Stiftung für Türkische Literatur.


Cevri Kalfa Sıbyan Mektebi - Bildquelle: Fatih Bel.



In der Geschichte sieht man Cevri Kalfa als eine furchtlose und heldenhafte Frau, die einst eine ganze Familiendynastie vor ihrem Untergang rettete. Die Janitscharen wüteten, aber immer noch rum! Im April 1810 setzten sie in Galata 2000 Häuser in Brand. Die Janitscharen konnte der Sultan erst 1826 in einem Hinterhalt blutig niederschlagen,um die Truppen des Osmanischen Reiches endgültig nach europäischem Vorbild zu modernisieren. Eine seiner ersten Reformen war unter anderem die neue Kleiderordnung

Adresse:
Cevri Kalfa Sıbyan Mektebi
Sultanahmet
Divanyolu Caddesi



Sultan Mahmud II., nach seiner Kleiderreform 1828



Quellen:

- wikipedia.org/wiki/Mahmud_II.
- wikipedia.org/wiki/Janitscharen
- youtube.com/watch?v=1NqpoWIp1NU
- İlber Ortaylı, İmparatorluğun En Uzun Yüzyılı,İstanbul,2011
- Diyanet İslam Ansiklopedisi, Cevri Kalfa Mektebi
- [link]
- Pascha ein fauler, egoistischer Mann der sich gern von seiner Frau bedienen lässt ?




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